Eine Lichtung öffnete der Sonne...

... die Möglichkeit in den dunklen Wald einzudringen, hier saß er oft und warf Steine ins Wasser, sah den Libellen zu, die wie funkelnde Edelsteine über die Wasseroberfläche schwebten oder genoss einfach nur die Stille der Einsamkeit.

Er war 22 Jahre alt und seit er sich erinnern konnte, hatte er den Großteil seines Lebens hier gesessen und seine Gedanken freigelassen und ihnen nachgeschaut. Nur hier fand er seinen Frieden, er, der Krüppel,der auf dem elterlichen Bauernhof wie ein Tier gehalten wurde, dessen häßliche Unvollständigkeit vor dem Rest der Welt, bzw. vor den Bewohnern der Gemeinde Eppelfelde geheimgehalten werden musste. Am See brauchte er sich nicht verstecken, hier störte es niemanden, daß sein rechtes Bein seit der Geburt starr war und er bis zu seinem Lebensende mit einer Krücke laufen musste. Wie oft hatte er sich schon vorgestellt einfach ins Wasser zu gehen, immer weiter bis er keine Luft mehr bekam, trotzdem würde er fortschreiten, hier im Wasser spielte die Behinderung keine Rolle. Doch im letzten Moment hatte die Schönheit dieses Ortes ihn immer von seinem Vorhaben abgehalten und das Tor zum Leben wieder aufgestoßen und ihn hindurchgehen lassen.

Was war das?

Aus dem Wald waren Stimmen zu hören, er duckte sich so gut wie es ging zwischen den Grashalmen. Er sah zwei Personen auf sich zukommen, die sich stritten. Es waren der Dorfpolizist mit seiner Frau. Er bekam einen Schreck, denn er wollte auf keinen Fall von den beiden gesehen und mit nervenden Fragen gequält werden. Jetzt konnte er deutlich verstehen, worum es in dem Streit ging. Die Frau, 29 Jahre alt, sah mit ihren langen rötlichen Haaren, ihrer schlanken Gestalt, ihren weichen Zügen aus, wie ein fleischgewordener Männertraum und trotzdem wies sie auch diese Zerbrechlichkeit auf, so dass man unwillkürlich von einer Berührung zurückschrecken mußte. Sie beschwerte sich mit leiser und doch stetiger Stimme, dass sich in 4 Jahren Ehe ihre Familie immer noch nicht vergrößert hatte und sich dies in absehbarer Zeit auch nicht ändern würde und warf ihrem Mann vor, daß er mit seiner Arbeit verheiratet sei und nicht mit ihr. Der Mann, ein Enddreißiger, erwiderte darauf, dass er seinen Beruf auch ausübe, um ihr und möglichen Kindern ein entsprechendes Leben zu bieten und das sein Gehalt zur Zeit nur reiche, um nicht zu verhungern. Was sie darauf erwiderte, verstand der Junge, immer noch an den Uferboden gepresst, nicht mehr, denn die beiden waren schon wieder im Wald verschwunden.

Er machte sich nun auf den Heimweg, denn irgendwie war die Ruhe des Platzes durch die Störung gewichen, beim Gehen oder besser beim Humpeln, dachte er an die beiden, besser nur an die Frau. Seit er sich erinnerte, hatte er sie beobachtet und sich an ihrer Makellosigkeit erfreut, mit der Zeit war seine Zuneigung gewachsen und ein seltsames Brennen erfüllte sein Herz. Es ging soweit, dass wenn er ihr begegnete, er ihren Blicken auswich und zu Boden starrte. Sie war mit 17 Jahren von der Schule abgegangen. Da sie schwanger wurde, aber den Namen des Vaters nicht preisgab, hatten sie ihre Eltern verstoßen. Sie aber beschloß, das Kind zu bekommen und wenn nötig alleine aufzuziehen. Sie arbeitete als Sekretärin des Bürgermeisters. In Verrichtung dieser Tätigkeit war sie das erste Mal dem Polizisten Schubert begegnet und dieser hatte sich , wie viele vor ihm in sie verliebt. Doch weil er schon älter war, mit gefestigtem Charakter, nicht bloß auf ein Abenteuer aus, nahm er sie bei sich zu Hause auf und ca. ein Jahr später, beschloß er beider Zukünfte zu vereinen und trat mit ihr vor den Traualtar. Zuerst war alles ideal, doch dann wurde Boris Schubert befördert und seine Zuständigkeit wurde auf die drei Nachbargemeinden erweitert, er war immer seltener zu Hause und wenn, war er schlecht gelaunt oder einfach nur müde.

Immer noch in dieser Welt seiner Gedankenfetzen weilend, kam der Junge am elterlichen Hof an. Die Morgensonne hatte schon die dörfliche Umgebung erhellt. Sein Vater, ein bulliger Mann anfang fünfzig, erwartet ihn schon mit zornigem Gesicht. Der Junge wußte, dies bedeutet nichts Gutes, seit er sich erinnern konnte, hatte ihn sein alter Herr geschlagen, mal mit dem Gürtel mit der schweren Schnalle, mal mit einem gedrehten Seil aus dem Schweinestall oder einfach mit den blanken Fäusten...

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